Hallo meine Lieben
Es ist Karfreitag, ich hatte gerade Klavierstunde und sitze jetzt in einem russischen Internet-Kafe....
Ja, ich bin jetzt schon fast zwei Monate hier und habe mich schon ganz gut eingelebt....
Ich lebe in der Studentenresidenz, obwohl Residenz wohl etwas zu schoen gesagt ist... Ein riesiges altes Gebaeude, in dem ca. 200 auslaendische Konservatorium-Studenten leben, Studenten aus aller Herren Laender, China, Korea, Japan, Mongolei, Iran, Tuerkei, Griechenland, USA, Mexico, Dom.Republik, Kolumbien, Moldawien, Ukraine, Weissrussland, Litauen, Estland, Frankreich, Spanien, Portugal, Deutschland, Daenemark, England, Irland...... Die einzig wirklich gemeinsame Sprache ist russisch, obwohl wir untereinander auch viel Englisch reden...
Ich lebe im Zimmer mit einer daenischen Geigerin, Anna Kaja heisst sie und ist erst 19 Jahre alt, ganz nett aber sooooooooooooo verschieden...
Ich habe mich in diesen zwei Monaten schon ganz gut eingelebt, mich an das russische Leben gewoehnt,und ich muss sagen, dass diese Stadt, was Kulturangebot, Musik, Theater, alles moegliche angeht, einfach grossartig ist, schon allein die Architektur der Stadt, das Licht, es ist einfach wunderschoen und es gibt Tage, an denen ist es einfach ein Genuss ueber eine der Bruecken zu gehen und die Sonne im Gesicht zu spueren, das Wasser glitzert und im Hintergrund die Fassade der Ermitage......da fuehle ich mich schon fast zuhause und einfach nur gluecklich, hier zu sein...
Das musikalische Leben ist auch ganz gut, mein Lehrer, Oleg Jurjevitsch Malov ist sehr anstaendig, ich habe regelmaessig Klavierstunde (was hier nicht unbedingt selbstverstaendlich ist) und muss sogar am Mittwoch das erste mal oeffentlich spielen, an einer Vortragsuebung von ihm, im Konzertsaal des Konservatoriums, genannt Kleiner Saal Glasunov (es gibt noch ein grosses Theater innerhalb des Konservatoriums, das heisst Glinka...). Saalprobe ist am Ostersonntag um 23 Uhr.... Ich spiele nur neues Repertoire, das ich also in den letzten 6 Wochen einstudiert habe, 2 Scarlatti-Sonaten, zwei Moments musiceaux von Rachmaninov, und ein Stueck der Romeo-und Julietta-Suite von Prokoviev, genannt Romeo und Julietta vor dem Abschied..... 25 Minuten Musik, ich bin ziemlich aufgeregt, da vermutlich einige andere Professoren anwesend sein werden, da es fuer die anderen Studenten eine Art Pruefung sein wird.... Naja, wir werden sehen.... Die Stunde heute war nicht besonders gut, ehrlich gesagt, ich hoffe es wird besser am Sonntag...
Ich versuche mich, hier in allem an das Russische Studentenleben zu gewoehnen, also ich bringe alles auswendig in die Stunde, uebe viel (4 bis 8 Stunden, durchschnittlich 6) und lerne viiiiel russisch, ich kann mich schon irgendwie verstaendigen und verstehe viel. Ausser Klavierstunden habe ich naemlich 6 Russischstunden in der Woche, und auch noch Kammermusik, da spiele ich die 2. Brahmssonate fuer Geige und Klavier, am Montag habe ich die erste Probe mit der Geigerin, eine Russin natuerlich, wir werden sehen, wie das geht....
Ich uebe ca. drei- bis viermal am konservatorium am morgen, bevor die Lehrer kommen, das heisst von 7 bis 10 Uhr morgens, das ist anstrengend, da ich um 5.30 aufstehen muss, deshalb kann ich das nicht alle Tage machen, aber es ist ein tolles Gefuehl um 11 einen Kaffee zu trinken mit dem Gefuehl, schon 4 Stunden geuebt zu haben.... Im Zimmer habe ich ein Klavier aber ziemlich alt und schrecklich verstimmt und ausserdem kann man sich einschreiben fuer Uebraeume im Studentenheim, die Instrumente sind aber auch nicht besonders gut...
Mein Sozialleben laesst eigentlich auch nicht zu wuenschen uebrig, sozialengagiert wie ich bin habe ich schon einige gute Freunde gewonnen, vor allem bin ich natuerlich schon Mitglied der Spanischen Mafia, wir sind auch schon mal zusammen zum tanzen aus gewesen und es macht Spass, wieder mal eine Seelensprache zu sprechen, wo man nicht jedes Wort ueberlegen muss...
Ansonsten gehe ich viel in Konzerte und in die Oper, am letzten Dienstag war Sokolov hier und ich hatte wohl eines meiner schoensten Konzerterlebnisse meines Lebens, wie er gespielt hat war einfach ein Genuss fuer die Seele..... Im ersten Teil die c-moll-Sonate von Schubert und im zweiten teil Skriabin, verschiedene Werke... jeder Ton war ein Herzton, es war unglaublich...
Ihr seht, die Umstaende sind ganz angenehm hier, nur manchmal fuehle mich einfach ganz klein und allein, vermisse Chile, das unkomplizierter Leben dort, die Schweiz auch, Meine Familie, fuehle mich heimwehig und mies...... hier geht alles so schnell, unglaublich schnell und irgendwie zieht das Leben vorbei, alles sehr intensiv und doch, naja, Russland ist grossartig, und doch koennte ich hier nicht fuer immer leben.... Jetzt an Ostern gehe ich morgen zuerst an ein Konzert eines spanischen Mitstudenten und dann ineine russische Kirche.... Ich war am letzten Sonntag zum ersten mal in einer Kirche (einfach nur zum nachdenken, nicht in eine Messe) hier und es war sehr eindruecklich. Ich habe alle mehr denn je vermisst und an alle gute Gedanken verschickt.... Ja, es ist nicht einfach, aber mit etwas Humor und Lebenskraft gut zu ueberstehen..... und ich bin nach wie vor wie ein Schwamm, lerngierig, kulturgierig....
Meine Lieben, schreibt mir...
luisasplett@gmail.com, ich freue mich ueber Post, ich vermisse Euch alle, schoene Ostern und alles alles Liebe
Luisa